Wo ist der Unterschied zwischen wandern und pilgern?

Faktisch gibt es den nicht. Sobald man einen Pilgerweg langläuft, pilgert man.

Ob man seinen Rucksack dabei selbst trägt oder ihn zur Unterkunft liefern lässt, ob man im Schlafsaal oder in der Pension schläft, ob man sich von Wasser und Brot ernährt oder sich abends im Restaurant den Bauch vollschlägt, ob man dabei versucht sich selbst zu finden oder Comedyhörbücher hört  – jeder hat seine eigene Regeln was einen „echter Pilger“ ausmacht.

Und meistens orientieren sich diese Regeln daran, was man selbst befolgt und wo man nicht so streng ist 🙂

Von daher ist es jedem selbst überlassen ob er sich als Pilger oder Wanderer fühlt während er einen Jakobsweg läuft. Es ist nur eine Bezeichnung nicht mehr.

Pilger vor Kirche

Warum also ausgerechnet auf Pilgerwegen wandern?

Dafür gibt es zwei gute Gründe:

Zum einen ist die Infrastruktur super. Ein Pilgerweg ist auf Menschen auf der Durchreise ausgelegt, es gibt auch in wenig besiedelten Ecken genug Übernachtungsmöglichkeiten und Einkehrmöglichkeiten.

Zum zweiten ist die Atmosphäre anders. Auch wenn die wenigsten Pilger, die ich getroffen habe, religiös motiviert waren, so waren die meisten doch im weitesten Sinne „spirituell motiviert“.

Viele hatten Fragen dabei, die sie für sich klären wollten, standen vor großen Entscheidungen, hatten Schicksalsschläge hinter sich oder hinterfragten ihr Lebenskonzept als Ganzes – oder wollten mal ihre Grenzen kennen lernen oder Ängste überwinden.

Man ist auf einem Pilgerweg von vielen Menschen umgeben, die irgendwie auf der Suche sind, die beim laufen in sich gekehrt sind, die kontemplativ sind. Und diese Atmosphäre kann sehr ansteckend sein.

Mein erstes Pilgererlebnis war der Küstenweg von Porto nach Santiago. Diese Erfahrung hat mich nachhaltig geprägt und obwohl ich ohne konkrete Frage losgegangen bin, kam ich mit unglaublich vielen Antworten zurück.

Danach war ich auf den verschiedenen portugiesischen Jakobswegen unterwegs und immer habe ich unglaublich viel über mich gelernt und meistens erst unterwegs erfahren was überhaupt die Fragen sind, die mich grade beschäftigen.

Für wen macht ein Pilgerweg also Sinn?

Für jeden der entweder

a) Lust hat Menschen aus aller Welt kennen zu lernen und Teil einer internationalen Gemeinschaft zu sein

b) für sich sein will und nachdenken möchte, den Kopf frei kriegen, Dinge auf den Prüfstand stellen möchte, Antworten finden will….

c) ganz ohne tiefere Absichten Lust auf Aktivurlaub hat und dabei günstig nächtigen und speisen und sich abends einen Cocktail mit Meerblick gönnen möchte.

Klingt alles sehr gegensätzlich? Ja, ist es auch. Nichtsdestotrotz ist alles drei auf dem portugiesischen Jakobsweg möglich.

Großartig, oder?