Wie ist die Lage in Portugal und Spanien derzeit?

Während Deutschland bisher überraschend gut durch Corona durch gekommen ist, hat es besonders Spanien hart getroffen.

Corona in Portugal

Wieso Portugal vergleichsweise viele Coronainfizierte hat, kann ich mir bis heute nicht erklären. Als im April die verschiedenen europäischen Länder in den mehr oder weniger starken Lockdown gingen, hatte Portugal gerade mal 4000 Infizierte auf seine gut 10 Millionen Einwohner. Dennoch haben sie zu dem Zeitpunkt ähnliche Maßnahmen wie die viel stärker betroffenen Nachbarn beschlossen und immer wieder war zu lesen wie vorbildlich sich doch die Portugiesen verhalten. Und gerade das frühzeitige Handeln ist laut der mir bekannten Fachmeinungen mit der relevanteste Faktor dafür wie gut oder schlecht ein Land so durchkommt.

Heute hat Portugal etwa genauso viele aktuell Infizierte wie Deutschland, dabei haben wir acht Mal so viele Einwohner. Auch eine Reisewarnung für Lissabon gibt es seit heute.

Corona in Spanien

Spanien ist coronatechnisch das neue Italien. Nachdem es zu Beginn der zweiten Welle – wenn man es denn so nennen möchte – vorwiegend einzelne Städte waren, ist inzwischen fast ganz Spanien stark getroffen. Über 500.000 aktuell infizierte in einem Land mit etwa 47.000 Einwohnern.

Die Region Galicien, durch die der portugiesische Jakobsweg führt, ist zwar nicht eine der am stärksten betroffenen Regionen, aber mit 0,15%  von im Schnitt 0,2% von Corona offiziell betroffener Bevölkerung auch nicht gerade wenig betroffen. Die Region Kastilien und Leon, durch die der französische Jakobsweg führt, ist mit 0,26% sogar überdurchschnittlich stark dabei (Quelle).

Kann man in Spanien und Portugal überhaupt gerade pilgern gehen?

Ja, kann man, zumindest ist das der aktuelle Stand.

Die Fluggesellschaften fliegen die relevanten Flughäfen an, auch der Transport vor Ort funktioniert weitesgehend normal.

Herbergen, Hotels und Restaurants haben in ausreichend großer Anzahl geöffnet. Herbergen wohl etwas begrenzter, aber die Hotelpreise sind noch günstiger als sowieso schon, weswegen man auf Herbergen gut verzichten kann.

Es haben zwar nicht alle Unterkünfte auf, aber die Anzahl Pilger ist so klein, dass es keine Platzprobleme gibt.

Welche Risiken gibt es beim pilgern trotz Corona?

Corona-Infektion

Während man einsam durch einen Wald läuft, infiziert man sich nicht mit Corona, so viel ist klar.

Wenn man auf Schlafsäle verzichtet und stattdessen Einzelzimmer wählt und seine Mahlzeiten nicht in geschlossenen Räumen einnimmt sowie den üblichen Hygieneempfehlungen folgt, kann man sein Infektionsrisiko stark reduzieren.

Deutlich kritischer ist da die An- und Abreise mit Flugzeugen, Zügen oder Bussen, auch wenn es da keine gute Zahlen zu gibt, wie hoch das Infektionsrisiko wirklich ist.

Lockdown

Wir haben es in den letzten Monaten immer wieder mitbekommen: regionale Lockdowns aufgrund von steigenden Infektionszahlen.

Das Risiko plötzlich in einem kleinen Ort in einem eher als Zwischenübernachtungsstation geeigneten Hotel festzuhängen und dieses zwei Wochen nicht verlassen zu dürfen, obwohl der Rückflug in einer Wochen gehen sollte, ist gegeben.

Genauso könnte es passieren dass Hotels und Restaurants schliessen müssen und der Urlaub damit sehr spontan vorbei ist.

Krankenhausaufenthalt

Ein dritter Risikofaktor ist, dass man – ob wegen einer Coronainfektion oder weil man sich das Bein gebrochen hat – ein Krankenhausaufenthalt nötig sein könnte. Das ist ohne entsprechende Sprachkenntnisse sowieso schon etwas schwierig, in Zeiten von überlasteten Krankenhäusern kann es aber sogar lebensgefährlich werden.

Wir haben die Bilder aus Italien gesehen von den Patienten, die teilweise in den Fluren auf dem Boden lagen und wo klar war dass es keine Kapazitäten mehr gab um jeden Patienten so zu behandeln, wie es eigentlich nötig gewesen wäre.

Da kann niemand eine echte Prognose machen wann und wo solche Zustände auftreten.

Wie geht es den Menschen vor Ort?

Ich war nicht da, aber ich habe mit Menschen gesprochen, die da waren.

Mir wurde berichtet, dass Hoteliers und Gastronomen verzweifelt sind. Die Pilgerwege führen durch einige Regionen, die neben Landwirtschaft und den Pilgern nichts haben und dass durchaus langsam sichtbar wird dass es nicht alle geschafft haben und ihr Hotel schliessen mussten.

Es wurde mir erzählt dass gerade die älteren Herrschaften sehr freudig auf den Anblick von Pilgern reagiert haben, man sich als Pilger aber dennoch irgendwie fehl am Platz fühlte.

Sollte man denn trotz Corona pilgern gehen?

Die Frage lässt sich nicht pauschal beantworten.

Die wirtschaftliche Lage vor Ort ist teilweise dramatisch, die Menschen brauchen die Pilger und freuen sich über jeden einzelnen, der kommt.

Die Wege waren noch nie so leer wie jetzt, was gerade auf dem Camino Frances, der von vielen als „der Jakobsweg“ bezeichnet wird, natürlich sehr angenehm ist, weil er sonst überfüllt ist.

Vermutlich ist es auch historisch günstig, Ryanair schmeisst einem die Flüge gefühlt hinterher, die Hotels unterbieten sich gegenseitig.

ABER.

So lange es keine Impfung gibt und man nicht selbst von einer Immunität aufgrund einer bereits durchgemachten Infektion ausgehen kann, sollte man sich wirklich gut überlegen ob man seine Pilgerreise nicht doch noch etwas aufschieben möchte.

Man könnte unbemerkt ein Virus von Stadt zu Stadt tragen und man könnte ein dringend benötigtes Krankenhausbett belegen.

Fazit

Als jemand der seine Brötchen damit verdient Pilgerurlaube zu planen, muss auch ich 2020 mit einem Verdienstausfall von nahezu 100% rechnen, das macht es mir schwer Menschen davon abzuraten einen Pilgerurlaub zu machen. Dennoch kann ich es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren Menschen dazu zu raten derzeit pilgern zu gehen.

So lange wir Corona nicht im Griff haben, beziehungsweise so lange keine Möglichkeiten bestehen sicher zu stellen dass man kein Virus von Stadt zu Stadt trägt (was zum Beispiel mit der Kombination aus gut verfügbaren Schnelltests und nötiger Vorsicht möglich wäre), halte ich es persönlich nicht für empfehlenswert den portugiesischen oder französischen Jakobsweg zu laufen.

Über Pilgerurlaube auf deutschen Jakobswegen kann man hingegen gerne reden. Da ist die Anreise deutlich risikoärmer möglich, aber leider die Infrastruktur unterwegs schlechter, so dass es beispielsweise nicht an jedem Übernachtungsort möglich ist sich ausserhalb von geschlossenen Räumen zu verpflegen. Das macht es nicht unmöglich diese Wege „coronasicher“ zu laufen, aber es macht die Planung aufwändiger.

Da werde ich mich den Winter über vorbereiten um diese nach Möglichkeit im Frühjahr 2021 anbieten zu können, auch wenn ich natürlich nicht alle noch schnell selbst laufen kann.

Wer Corona bereits hinter sich hat und von einer (vorrübergehenden) Immunität ausgehen kann, für den ist der Zeitpunkt jetzt natürlich sehr gut – die Menschen vor Ort freuen sich über jeden Euro, die Wege sind schön leer, die Preise günstig.

Alle anderen sollten sich das Vorhaben (meiner ganz persönlichen Ansicht nach) unter den derzeitigen Umständen sehr gut überlegen.